Dezember 10

Ein Leben nach der Geburt

 

 

Im Bauch einer schwangeren Frau leben 3 Embryos – einer davon ist ein kleiner Gläubiger, einer ein kleiner Zweifler und ein anderer ein kleiner Skeptiker.

Der kleine Zweifler fragt:
«Glaubt ihr eigentlich an ein Leben nach der Geburt?»

Der kleine Gläubige:
«Na klar, das gibt es, unser Leben ist nur dazu gedacht, dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten, damit wir dann stark sind für das was uns erwartet.»

Der kleine Skeptiker:
«Blödsinn, das gibt es doch nicht! Wie soll das überhaupt aussehen, ein Leben nach der Geburt?»

Der kleine Gläubige:
«Das weiss ich auch nicht so genau, es wird viel heller sein als hier und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen.»

Der kleine Skeptiker:
«So ein Quatsch – herumlaufen, das geht doch nicht und mit dem Mund essen – was für eine seltsame Idee. Es gibt doch nur die Nabelschnur, die uns ernährt. Ausserdem geht das gar nicht, dass es ein Leben nach der Geburt gibt, weil die Nabelschnur viel zu kurz ist.»

Der kleine Gläubige:
«Doch, es geht bestimmt, es wird eben alles ein bisschen anders werden.»

Der kleine Skeptiker:
«Es ist noch nie anders gekommen nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende jedenfalls. Und das Leben hier ist nichts anderes als eine Quälerei – und es ist stockfinster.»

Der kleine Gläubige:
«Auch wenn ich nicht so genau weiss, wie das Leben nach der Geburt aussieht, jedenfalls – wir werden unsere Mutter sehen und sie wird für uns sorgen.»

Der kleine Skeptiker:
«MUTTER? Du glaubst an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?»

Der kleine Gläubige:
«Na hier, überall, um uns herum. Wir sind in ihr und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein.»

Der kleine Skeptiker:
«Quatsch, von einer Mutter habe ich noch nie was gemerkt – sie gibt es also nicht!»

Der kleine Gläubige:
«Manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören oder spüren, wie sie unsere Welt streichelt.»

Der kleine Zweifler fragt:
«Wenn es also ein Leben nach der Geburt gibt – wird der kleine Skeptiker dann bestraft, weil er nicht daran geglaubt hat?»

Der kleine Gläubige:
«Mmhh, weiss ich nicht so genau, vielleicht kriegt er einen Klaps, damit er die Augen aufmacht und das Leben beginnen kann.»

 

Henry Nouwen, 1932 in Holland geboren und nach verschiedenen internationalen theologischen und philosophischen Forschungs- und Lehrtätigkeiten in der kanadischen Gemeinschaft "Arche" als geistlicher Leiter mit behinderten Menschen lebend, hat als Autor viele Menschen inspiriert. Diese Inspirationen gingen im Verlauf seiner letzten Lebensjahre immer mehr auf seine Erfahrungen mit behinderten Menschen zurück. Der Lehrer wird zum Lernenden und seine Lehrer sind seine behinderten Mitbewohner. Vor allem der behinderte Adam wird zu seinem heilsamen Gefährten. "Er scheint die einzigartige Berufung zu haben, andere zu heilen", so Nouwen. Adam hilft Henry, eine tiefere Spiritualität zu entwickeln. Er lehrt ihn, dass "Sein wichtiger ist als Tun". 1996 stirbt Henry Nouwen bei einem Aufenthalt in Holland. Seine Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie komplizierte, philosophische Fragen in einer einfachen Sprache aussprechen - ohne, dass die Tiefendimension verloren ginge. Seine Texte knüpfen an Erfahrungen an, die jeder kennt und sie regen zum eigenen Fortphilosophieren an.

   
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