Juni 12

Vergebung (Parabel)

 

 

Ein angesehener Rabbi wird gebeten zu einer benachbarten Gemeinde zu sprechen. Der Rabbi, der für seine Lebensweisheit berühmt ist, wird wo immer er auch hinkommt, um Rat gebeten.
Um im Zug ein paar Stunden für sich zu haben, verbirgt er sich unter schäbiger Kleidung und sieht wegen seiner kümmerlichen Erscheinung wie ein Bauer aus. Die Verkleidung ist so wirkungsvoll, dass er die missbilligenden Blicke und getuschelten Bemerkungen der wohlhabenden Mitreisenden auf sich zieht.
Als der Rabbi am Bahnhof ankommt, wird er von den Würdenträgern der Gemeinde, die taktvoll sein Aussehen übergehen, mit Wärme und Hochachtung empfangen. Diejenigen, die sich im Zug über ihn lustig gemacht hatten, erkennen seinen Rang und ihren Irrtum und bitten ihn sofort um Vergebung.
Der alte Mann schweigt. Monatelang verschwören diese Juden – die sich schliesslich für gute und fromme Menschen halten – den Rabbi, sie von der Sünde freizusprechen. Der Rabbi schweigt weiter.
Endlich, nachdem fast ein ganzes Jahr vergangen ist, suchen sie den alten Mann am Tag der Versöhnung auf, an dem, wie geschrieben steht, jeder Mensch seinem Nächsten vergeben muss. Aber der Rabbi weigert sich immer noch zu sprechen. Aufgebracht erheben sie endlich die Stimme: Wie kann ein heiliger Mann eine solche Sünde begehen – an diesem Tag aller Tage seine Vergebung verweigern?
Der Rabbi lächelte ernst: «Ihr habt euch die ganze Zeit an den falschen Mann gewandt. Ihr müsst den Mann im Zug um Vergebung bitten.»

   
  >> Gesammelte Geschichten
   
  >> zurück zu «Aktuell»